Weidenhof Worpswede
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 Natur in Haus und Garten
 

Ein Tag im Leben eines Paddock-Trail-Pferdes

Fjordpferd auf dem Paddock Trail

Morgens, die Sonne geht auf, ich blinzele mich in den Tag und gähne herzhaft. Seit die Sonne untergegangen war, waren wir unterwegs. Nachts ist es im Moment schöner, draußen zu sein, die nervigen Fliegen und Bremsen stören dann nicht mehr so.
Zuerst wälzen gehen oder Pipi machen? Für beides muss ich erst den richtigen Platz suchen, also erstmal nachdenken ... Den Geruch von Pipi mag ich nicht, er brennt in den Augen und in der Nase, also gehe ich viele Meter weit vom Schlafplatz weg, um Morgentoilette zu machen.


Auf unserem Rundlauf ist immer mal wieder ein Grashalm zu entdecken, oder ein Blatt ist über den Zaun gewachsen und kann genascht werden. Da muss man sich manchmal ganz schön verrenken oder groß machen, um es zu erwischen. Gestern hat uns einer unserer Menschen wieder Brennnesseln abgesenst, die hier überall wachsen. Frisch mag ich sie nicht, aber wenn sie ein paar Stunden gelegen haben, sind sie plötzlich lecker – magisch finde ich das.

Pferd frisst Blätter vom Baum


Der Morgen riecht gut. Der Wind trägt den Duft der Welt mit sich und während ich ihn tief einatme, werden aus den Gerüchen Bilder von Blumen, Gras und Tieren. Der Wind streichelt durch mein Fell, es ist, wie immer, der Jahreszeit angepasst. Temperatur, Licht und die Länge der Tage sorgen dafür, dass mein Körper immer den bestmöglichen Anzug trägt.
Gemächlich mache ich mich auf den Weg zum Wasser. Auf dem Weg dorthin komme ich an einer alten, knorrigen Eiche vorbei und beschließe, mir erstmal herzhaft das Hinterteil zu scheuern. Im Laufe der Zeit habe ich herausgefunden, wo ich mir welche Körperstellen am besten kratzen kann – den Hals am alten Apfelbaum, den Bauch am kleinen Holunder, den Kopf am morschen Pfahl und den Hintern eben am allerbesten an der großen Eiche. Mit Ästen kann man prima Akupressur bei sich selbst machen. Super fand ich es auch, in der Totholzhecke zu stehen, weil auf der anderen Seite Gras war. Da wurde ich aber ausgeschimpft, weil diese Hecke eigentlich den Zaun ersetzen sollte. Was soll ich sagen – ich bin eine Norwegerin. Zäune sind eher sowas wie Vorschläge oder Richtlinien, finde ich.


Die große Eiche kenne ich schon mein Leben lang. Sie ist so stark, dass ich mich unter ihr immer geschützt und geborgen fühle. In ihren Ästen sitzen Vögel und Eichhörnchen flitzen den Stamm rauf und runter. Im vorletzten Jahr lebte ein Hornissenschwarm in einem aufgelassenen Spalt im Stamm, genau auf Augenhöhe, da habe ich oft zugeschaut, wie sie rein- und rausfliegen. Sie ändert ständig ihr Gesicht, im Frühjahr gibt es leckere frische Blätter, im Sommer ist es wunderbar kühl unter ihr, im Herbst schenkt sie uns Eicheln (wovon ich aber nur ein paar darf) und im Winter macht es Spaß, durch ihr trockenes Laub zu rascheln.

Fjordpferd sitzt auf einer Wiese


Was wollte ich? Ach ja, was trinken. Das Wasser steht komischerweise weit weg vom Essen, sodass ich viel mehr laufen muss, als ich das normalerweise tun würde. Meine Menschen finden das genau richtig so. Ich hingegen glaube, dass sie wahrscheinlich damit irgendwelche eigenen Defizite ausgleichen wollen. Was soll's – da steh ich drüber.
Ich geh schonmal auf den Paddock und warte aufs Frühstück, der Rest meiner kleinen Herde ist auch schon da. Die andere Stute darf ich wegzicken, wenn mir danach ist, beim Chef lass ich das lieber. Manchmal geht man ihm lieber aus dem Weg, da ist er auf Krawall gebürstet und würde sogar MICH! beißen, wenn ich nicht schnell genug weglaufe.
Nach dem Frühstück ist auch die Weide auf und ich gehe mal schauen, was ich dort so finde. Hier wachsen verschiedene Gräser und Kräuter, einige sind oberlecker, die gehe ich jetzt mal suchen.


Als die Sonne höher steigt, wird es Zeit für eine ausgedehnte Pause. Ich wandere zu den oberen beiden Unterständen. Hier habe ich mir eine Sandkuhle gebuddelt, darin liege ich sehr gern. Es ist weich und kuschelig und die Sonne wärmt mir den Bauch. Mit den anderen wechsele ich mich beim Herde-Bewachen ab. Als Fluchttiere fühlen wir uns am wohlsten, wenn immer einer aufpasst, dass sich keine Räuber (oder Reiter) anschleichen können.
Auf einmal packt den Chef die Lauflust und er fängt an, um den Trail zu rennen. Das macht überhaupt keinen Sinn und ist nur was für kindische Jungs – obwohl ... ich glaub, ich lauf einfach mal mit. Nur um zu zeigen, dass ich auch superschnell sein kann.


Zwischendurch gehe ich immer mal wieder auf die Weide oder zum Wasser. Mal alle zusammen, mal mit der Freundin oder auch mal allein, wenn ich das möchte. Auf Wanderschaft zu sein, wird hier nie langweilig. Viele andere Tiere leben hier mit uns, ich grase gemeinsam mit Rehen, beobachte, wie Hasen spielen und lausche dem Gesang der Vögel. Ich höre den Bäumen zu, wie die Blätter flüstern, und achte auf das Rascheln der kleinen Tiere im Gras. Libellen und Bienen schwirren umher und ein Schmetterling landet auf Nahrungssuche auf dem Löwenzahn vor mir – oh Löwenzahn – lecker! (Sorry, kleiner Schmetterling.) Von überall her empfange ich Geräusche, Gerüche und Bilder und ich fühle, dass ich Teil dieser Welt bin.


Zwischendurch läuft auch immer mal wieder einer unserer Menschen vorbei. Meistens sind sie liebenswert und praktisch. Wenn ich mich richtig hinstelle, erraten sie oft auf Anhieb, wo ich nun gekrault werden möchte. Heute geht es in ein rundes Gefängnis, dort laufe ich dann im Kreis in verschiedenen Geschwindigkeiten. Dass ich nach wie vor nirgends ankomme, scheint meinem Menschen nicht aufzufallen – was mir die Theorie mit den menschlichen Defiziten bestätigt. Ich versuche es mal mit angelegten Ohren und einer Nörgelfalte um den Mund, nur so testweise. Hat zwar noch nie funktioniert, aber ich bin geduldig.


… nicht geklappt, wenigstens gibt es noch Hagebutten als Entschuldigung zum Abschluss und eine Schmuseeinheit.

2 Pferde, die sich gegenseitig beknabbern


Es fängt an zu regnen. Der Chef läuft in den Stall (der Warmduscher), wir Stuten finden Regen aber meistens gut, stellen uns mit dem Hintern in den Wind und lassen uns ordentlich durchpusten. Schön, dass wir das selbst entscheiden können.
Jetzt möchte ich kuscheln, ich geh mal zu meiner Freundin und mache ihr den Vorschlag, dass wir uns gegenseitig beknabbern. Manchmal mögen wir uns auch gar nicht, weil DIE ANDERE! rumzickt. Dann muss ich zurückquietschen. Wir sind eben Stuten ...


Die Nacht bricht herein und mit ihr ändert sich die Geräusch- und selbst die Geruchskulisse. Kleine Flatterdinger schwirren über die Wiese, sie sind auf der Jagd nach den doofen Mücken, die uns immer ärgern. Ich gehe mal wieder auf Patrouillenrunde um den Trail und schaue, ob ein Grashalm gewachsen ist oder ich ein Blatt oder Zweig ernten kann.
Ein schöner Tag neigt sich dem Ende, morgen gibt es den nächsten …